Ich weiß es selber nicht


sang am vergangenen Sonntag die im Rheinland geborene Sopranistin Anja-Nina Bahrmann in der Mitte des beschwingten Matinee-Konzertes der Musikfreunde Braunau-Simbach. Das großartige Kulturland Österreich reduziert elementare Musikbildung in Schulen und wundert sich, wenn soziale und emotionale Fähigkeiten und Konzentration nur noch dort und da sich auf junges Publikum auswirken. Deshalb sollte Förderung durch öffentliche Stellen zum Weitergeben des großen Kulturschatzes an die Jugend ausgerichtet sein. Die Matinee der Musikfreunde Braunau-Simbach am vergangenen Sonntag im Gedenken des verstorbenen Mitbegründers und 33 Jahre als Geiger sich im Orchester eingebrachten Siegfried Dietrich weist als Unterstützer einzig die Stadtgemeinde Braunau auf. Trotzdem, und dafür gebührt dem Verein größter Dank, kam es mit bekannten und weniger bekannten, beschwingten und stimmigen Orchesterwerken und Operetten-Arien wieder einmal zu einem derartigen Kulturhöhepunkt. Leider folgte diesem nur sehr wenig Publikum in den großen Saal des Braunauer AVZ. Aber die Mitwirkenden zeigten keine Enttäuschung und begrüßten mit dem markanten Fanfarengruß im Konzertmarsch „Regimentskinder“ von Julius Fučik unter dem bereits seit dreißig Jahren bewährten Dirigat des heuer 60-jährigen Markus Fohr. Der für Männerchor und Klavier geschriebene Walzer „Ganz allerliebst“ des Franzosen Émil Waldteufel wurde trotz kleiner instrumentaler Schwierigkeit vom Publikum heftig beklatscht. Es folgte aus dem 3. Akt der Carl Zeller-Operette „Der Vogelhändler“ das träumerische Sopranlied der Kurfürstin „Als geblüht der Kirschenbaum“. Anja-Nina Bahrmann sang dem Inhalt entsprechend schlicht und guttuend ohne gekünsteltes Tremolo. Beim flotten „Champagner-Galopp“, einem dänischen Klassiker des Kopenhageners Hans Christian Lumbye, konnten die drei jungen Schlagzeuger ihr musikalisches Können einbringen. Bei der Ouvertüre zu Otto Nikolais komisch-fantastischer Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“, indem angebliche Wankelmütigkeit des weiblichen Geschlechtes heraushörbar ist, war die abrufbare technische Fertigkeit aller Streicher*innen gefordert. In der lyrischen Arie der musikalischen Komödie „Giuditta“ von Franz Lehár war besonders sorgfältige Instrumentierung die Grundlage für den gewählten stimmlichen Ausdruck der Sopranistin, wo sie meint, sie wisse es selber nicht, warum man gleich von Liebe spricht. Wenn auch mit der Polka Mazur Joseph Strauß sich vor der Reise nach Breslau von seiner Frau Caroline mit dem wehmütigen Liebeslied „Frauenherz“ verabschiedete, das Programm der Matinee hatte noch einige Schmankerl zu bieten. Nach dem musikalisch gehobenen „Blumencorso-Walzer“ vom 1975 in der Schweiz verstorbenen Ernst Fischer war Lehárs lebhafter „Weibermarsch“ des Danilo in „Die lustige Witwe“ ein großartiger Beweis, wie präzise die Streicher*innen Pizzicati spielen, wenn das gepflegt, trotz der coronabedingt kurzen Probezeit eingeübt wird. Und dafür gebührt auch Isabella Andronikidis als musikalische Assistentin großes Lob. Mit der rassig gestalteten Sopranarie der Sylva „Heia, in den Bergen ist mein Heimatland“ aus Emmerich Kálmáns „Csárdásfürstin“ bewies die Sopranistin von der Wiener Volksoper ganzes Temperament, was sich auf das Orchester übertrug. Die Pauken kündeten im Walzer „Freut euch des Lebens“, der von Johann Strauß für den Einweihungsball des Goldenen Konzertsaals des Wiener Musikvereins geschrieben wurde, dass die Matinee zu Ende geht. Mögen es die Umstände und die Zeit bringen, wieder Konzerte zum Jahreswechsel bekannt geben zu können, die viel Publikum begeistern!

Karl Glaser